Datenschutz – ein Kunstprojekt der 10.Klassen der Realschule

Sehr geehrte Damen und Herrn, liebe Schülerinnen und Schüler,

bereits zum neunten Mal veranstaltet der Fachbereich Bildende Kunst an unserer Realschule eine Ausstellung, an der klassenübergreifend an einem gemeinsamen Projekt gearbeitet wurde. Datenschutz, ein Schlagwort, zugleich ein aktuelles Thema, das von besonderer gesellschaftlicher Brisanz ist, und das die Schülerinnen und Schüler im Kunstprojekt der 10. Klassen zum Gegenstand ihrer künstlerischen Auseinandersetzung gemacht haben.

„Was glaubt ihr eigentlich ist ein Künstler? Ein Narr, der wenn er Maler ist nur Augen hat? … Er ist im Gegenteil ein politisches Wesen, empfänglich für die bestürzenden, schmerzlichen oder beglückenden Ereignisse des Weltgeschehens … Nein, die Kunst ist nicht dazu da, Wohnungen zu verzieren. Sie ist eine Waffe des Angriffs und der Verteidigung.“ (Pablo Picasso)

Uns ist allen nicht verborgen geblieben, dass die vergangenen Jahre tiefgreifende Veränderung unserer Lebensrealität mit sich gebracht haben. Das Smartphone und die digitalen Medien bestimmen viele Bereiche des Alltags, wir nutzen sie zur Kommunikation, zur Selbstdarstellung, zur Speicherung. Sind wir vielleicht etwas zu abhängig geworden? Wo ist mein Smartphone? Diese Frage stellt eine Figur in einem der ausgestellten  Werke, während irgendwo bereits die Daten aus ihrem Smartphone illegal „down-geloaded werden.“ Wenn das Smartphone plötzlich weg ist? Verlegt, verloren oder entwendet? Das kennt man. Dann werden wir unruhig und nervös, bis wir unseren Schatz wieder in den Händen halten. Unsere Daten sind verletzlich, sie sind gewissermaßen ein Teil unserer Persönlichkeit. Kein Wunder also, dass uns daran gelegen ist, zu schützen, was uns lieb und teuer ist. Wir glauben unsere Daten seien geschützt, doch mitunter trügt der Schein. Es gibt Kräfte, die große Anstrengungen unternehmen, an unsere Daten zu gelangen…

Unser besonderes Augenmerk liegt in der Ausstellung heute Abend auf der Digitalisierung unseres Alltags und den damit verbundenen Gefahren von Datenmissbrauch innerhalb unserer allgegenwärtigen Informationsgesellschaft. 

Was bedeutet Datenschutz? Nun, es geht dabei in erster Linie um den Schutz jedes Einzelnen vor Beeinträchtigungen seiner Privatsphäre durch Erhebung, Speicherung und Weitergabe von Daten, die seine Person betreffen. Soweit die Definition. Wie aber haben sich die Künstlerinnen und Künstler konkret mit der Thematik auseinandergesetzt und welche ästhetische Ausdrucksformen haben sie während der Arbeit realisiert. Schon beim ersten Überblick wird klar, dass es eine Vielzahl von kreativen Ideen gibt und jede einzelne lohnt eine nähere Betrachtung. Grundsätzlich orientieren sich die Werke der Schülerinnen und Schüler in folgende Richtungen: Was passiert, wenn meine Daten in die falschen Hände geraten? Wer hat überhaupt Interesse an meinen Daten? 

Wer seine Daten in falsche Hände gibt, ob bewusst oder unbewusst, der steht oft nackt da, ausgesaugt, wie das Modell des Datenstaubsaugers zeigt. Daten können Sprengkraft haben, wenn sie missbraucht werden, persönliche Existenzen angreifen, tödliche Wirkung entfalten. Die Dynamitstangen stehen hier als Symbolträger in der Ausstellung. Es gibt auch Werke, die sich als Geschichten von Datenmissbrauch lesen lassen, wie das Bild auf der Einladungskarte zur Ausstellung. Die Datenpolizei verhaftet einen kriminellen Datenräuber in einer digitalen Straßennische, bevor dieser seine Daten weiterverkaufen kann. Bei anderen Werken ist es schon zu spät für die Opfer von Datenraub. Ein Flugzeug mit der Bezeichnung Datendealer fliegt mit einem flatternden Banner wie ein Werbeflugzeug an der Mittelmeerküste über Stadt und Land und stellt die privaten Geheimnisse eines Opfers zur Schau. Eine Künstlerin hat das Gesellschaftsspiel Scrabble als Bedeutungsträger gewählt und eindrucksvolle Schlagworte gebildet, die die emotionale Lage eines Menschen zeigen, der unter dem Missbrauch seiner Daten leidet: Es kann um die Existenz des Menschen gehen. Datenschutz wird somit lebenswichtig. 

Wer ist es aber, der uns bedroht? Wer will uns das Passwort aus dem Gehirn ziehen, um Zugang zu unseren Daten zu erlangen. Ein Künstler stellt die Daten in ein rotes Gehege, bedrängt von Multikonzernen wie Amazon, Snap-chat oder Google. Es geht also um das große Geld, das sich weltweit mit unseren Daten verdienen lässt. An einer Theke, wird ganz offen mit Daten gehandelt. Manche angeln Daten aus dem Äther. In einem Ring wird um Daten symbolisch geboxt. Große Geschütze werden aufgefahren, mit Panzern versucht man die Schutzmauern niederzuwalzen. Manche Schlacht wird heute virtuell ausgetragen, wobei in der Konsequenz oft reales Leid steht. Manche Bedrohung aber beginnt unscheinbar, ein belangloser Chat, getragen von naivem Vertrauen, und schon landen Fotos, Daten, Passwörter unwiderruflich im World-Wide-Web.

Das Smartphone, analog abgeschlossen mit  Ketten und einem Vorhängeschloss, sinnbildlich steht dieses Kunstwerk für den Wunsch nach der vollkommenen Sicherheit, fast wie ein Tagebuch, das man früher ebenfalls mit einem Schloss versehen hat, damit Unbefugte keinen Zutritt erlangen. Die Schutzmaschinerie läuft, ein Kranwagen liefert einen Datenträger in einen Hochsicherheitstrakt, umgeben von Mauern und Stacheldraht. Auch mit der Angst vor Datenklau lässt sich offenbar Geld verdienen. Hohe Mauern werden errichtet. Aber es bleibt ein Drahtseilakt und jederzeit droht dem der tiefe Absturz, der in der virtuellen Welt die Balance verliert…

Kunst macht sichtbar. Kunst regt zum Nachdenken an. Kunst steht mitten in unserer Gesellschaft. Kunst ist nicht nur schöner Schein, sondern Kritik, Diskussion und Aufruf. Im besten Fall trifft sie den wunden Punkt, ohne persönlich anzugreifen.

Liebe Besucher der heutigen Ausstellung. Die Schülerinnen und Schüler der 10.Klassen, die die Werke geschaffen haben, haben allen Grund stolz auf ihre Leistung zu sein, denn sie haben uns kreative Impulse vermittelt, Datenschutz ernst zu nehmen. Mit Fantasie und eigenständigem Denken haben sie Stellung bezogen und dadurch die Kunst zu dem gemacht, was sie im Leben jedes Einzelnen sein kann: Ein Mittel zum Austausch, ein Impuls zur ehrlichen Diskussion, ein Ansatz zur Lösung.

Ich wünsche Ihnen, dass sie den ausgestellten Werken nachspüren, sich irritieren und anregen lassen, das Gespräch über die Inhalte zu suchen. Ich möchte euch Künstlerinnen und Künstler ausdrücklich zu eurer sehr gelungenen Ausstellung beglückwünschen und hoffe, dass ihr auch in der Zukunft den Mut habt, die Kunst nicht von außen zu betrachten, sondern in eurem Leben als bleibende Quelle zu verankern.

Franz Schuck

6.11.2019